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Erstes Kapitel:

Die Lichtung mit den drei Ausgängen

Bum! Unsanft schlug Anne auf. Nur gut, dass sie im Weichen landete, sonst wäre es ihr sicher schlecht bekommen. Noch ganz benebelt von all dem Kreiseln und Schweben blieb sie kurze Zeit liegen, ehe sie sich aufsetzte, die Augen rieb und furchtsam um sich blickte.

Ringsum war dichter Wald. Die kleine Lichtung, auf die es sie verschlagen hatte, war von dicken, knorrigen Bäumen gesäumt, dazwischen wuchs stachliges Gebüsch. Die Vegetation war so dicht, dass der Ort ohne das fröhlich hereinfallende, wärmende Sonnenlicht gewiß einen sehr düsteren und unfreundlichen Eindruck gemacht hätte. Ein dicker Laubteppich bedeckte den Boden. Die Äste über ihr waren knotig und krumm wie Greisenarme und sahen zum Fürchten aus. Am unheimlichsten aber waren die Geräusche, die aus dem Wald drangen: schleppender Vogelgesang, dumpfes Krächzen, seltsames Stöhnen. Ein oder zweimal ertönte gar ein Knurren wie aus tiefster Kehle, vor Schreck machte Anne sich ganz klein. Für einen Moment dachte sie daran, zu weinen oder um Hilfe zu rufen, fand aber dann, dass es besser war, sich still zu verhalten. Lieber sah sie sich nach einem Ausweg um.

Sie brauchte nicht lange, um festzustellen, dass es derer drei gab – in der dichten Wand aus Bäumen und Büschen zeichneten sich deutlich drei Öffnungen ab. Jede führte in eine andere Richtung. Die beiden Tunneleingänge links und rechts von ihr waren durch einen vielbenutzten Trampelpfad miteinander verbunden. Der in der Mitte schien hingegen weniger in Gebrauch zu sein, so dass Anne beschloß, sich vorerst von ihm fernzuhalten. Gerade hatte sie entschieden, den Weg nach rechts zu nehmen, da hörte sie über ihrem Kopf ein seltsames Pfeifen – piuuh! -, und etwas knallte ihr direkt vor die Füße. Anne schrie auf, so laut sie konnte, warf sich zu Boden und bedeckte den Kopf mit den Händen. Da sich aber nichts weiter tat, nahm sie ihren Mut zusammen und wagte nachzuschauen.

Zuerst meinte sie, ein totes Tier vor sich liegen zu sehen, aber dann … stellte sie mit Staunen fest, dass es ihr eigener kleiner Rucksack war! Wobei gesagt werden muss, dass ihr erster Eindruck gar nicht so sehr fehlging, denn der Rucksack war aus flauschigem Stoff gemacht und einem kleinen Teddybär zum Verwechseln ähnlich. Mam hatte ihn vor ein paar Jahren für sie gekauft, und er war, obwohl inzwischen schon ein wenig abgewetzt, immer noch Annes Lieblingsrucksack. Freudig sprang sie auf, packte ihn und wollte ihn aufsetzen. Da geschah etwas äußerst Unerwartetes.

„Autsch!“ quäkte der Rucksack mit lächerlich piepsiger, aber sehr zorniger Stimme. „Hör auf, so an mir zu rupfen!“

„Was war das denn?“ flüsterte Anne zitternd, obwohl klar war, woher die Stimme kam. „Wer spricht da?“

„Ich! Wer denn sonst?“ sagte der Rucksack. „Du rupfst mich immer so!“

„Ja, sag mal … Kannst du jetzt auch schon sprechen?“

„Wieso denn nicht? Ich bin doch kein Baby! Ich hab auch früher schon gesprochen, aber nie hattest du ein Ohr für mich! Und jetzt sage ich es zum dritten Mal: Du bist sehr ruppig zu mir!“

„Moment mal, immer mit der Ruhe! Du bist doch mein alter Rucksack, nicht wahr?“

„Yo. Dein gerupfter alter Rucksack.“

„Und jetzt behauptest du auf einmal, reden zu können? Obwohl du zu Hause nie ein Wort gesagt hast?“

Anne weigerte sich immer noch, das Geschehene ernst zu nehmen.

„Nie ein Wort? Von wegen! Wenn du wüßtest, wie oft ich vor mich hingeschimpft habe – aber keiner wollte es hören! Ich konnte jammern und klagen, wie ich wollte – du scherst dich ja nur um deinen Kram. Du zerrst und zwickst mich, beschmierst mich mit Tinte, wirfst mich durch die Gegend, spielst Fußball mit mir … Deinetwegen sehe ich aus wie ein gerupftes Huhn!“

Obwohl immer noch ziemlich fassungslos, spürte Anne die Wut in sich hochsteigen. Was dieses Würstchen sich erlaubte! Bildete sich ein, so mit ihr umspringen zu können, nur weil es plötzlich reden konnte! Ganz gleich, was der Grund für die wundersame Verwandlung war – wenn dieser Rucksack glaubte, sie herumkommandieren zu dürfen, mußte Anne ihn in seine Schranken weisen.

„He, hör gefälligst auf, mich zu beschimpfen!“ sagte sie und stemmte drohend die Fäuste in die Hüften. „Du bist hier nur gefragt, wenn du mir helfen willst. Andernfalls halt den Mund – sonst passiert was!“

„Ich hab's gewußt, ich hab's gewußt!“ murmelte der Rucksack griesgrämig. „Du bist ein unverbesserlicher Grobian! Wäre ich dir nur nicht hinterhergesprungen!“

Auf diese Frechheit hin wollte Anne ihm mit einen gehörigen Tritt Bescheid geben, doch neuer Lärm ließ sie erschrocken herumfahren. Hoch über ihrem Kopf, im Schutz der Baumkronen, sang jemand mit knarzender Stimme:


Mädchen und Rucksack
verliefen sich im Wald.
Dort war es finster,
und auch so bitterkalt …

Der unsichtbare Sänger kicherte selbstgefällig. Daraufhin schien er sich doch noch bequemen zu wollen, sein Gesicht zu zeigen, denn die Zweige droben bewegten sich und schoben sich auseinander. Zum Vorschein kamen zwei Gestalten von so merkwürdiger Art, dass Feuerlocke für einen Moment baff war.

Die größere von beiden schien eine klapprige alte Wanduhr zu sein. Ihr länglicher, aus dem Uhrkasten bestehender Rumpf endete in zwei sehr dünnen und kurzen Beinen: den Uhrgewichten. Als Kopf diente das runde Zifferblatt, das frei an einer dünnen Feder herumpendelte, die sich nach unten hin im Uhrkasten verlor. Zwischen den zwei aufgerissenen Kulleraugen (die Schlüssellöcher zum Aufziehen) ragte als Nase ein riesiger Schlüssel hervor, der sich beständig hin- und herdrehte, im selben Takt, wie das Pendel im Uhrkasten schwang. Die Zeiger waren zu einem komischen Heidukenschnurrbart aufgezwirbelt. Darunter befand sich die Höhle für den Kuckuck, die nun als Mund fungierte – angefüllt mit Spiralfedern und Zahnrädchen, die aussahen wie krumm und schief stehende, löchrige Zähne. Die an den Schultern befindlichen Blechflügel waren offensichtlich nicht nur zur Zierde da, denn die komische Uhr hielt sich damit mühelos in der Luft. Nun aber landete sie auf der Wiese vor Anne und schaute neugierig herüber.

Ihr Begleiter – ebenfalls geflügelt, doch um einiges kleiner – zog es vor, noch in der Luft zu bleiben. Anfangs glaubte Anne, dass es sich um eine Art Fledermaus oder einen großen Schmetterling handelte. Bald bekam sie jedoch mit, dass das sonderbare Geschöpf mit Hilfe zweier riesiger, bemooster Ohren flog, zwischen denen ein strammes Bäuchlein hing. Letzteres ging beinahe direkt in einen kugelrunden Kopf über, den ein kurzer Rüssel, zwei Glupschaugen und obenauf ein Hütchen mit allerlei Troddeln und Schellen schmückten. Die zwei Flügelohren waren äußerst biegsam – das sonderbare Geschöpf benutzte sie offenbar auch als Signalfähnchen, durch die es sich mit seinem größeren Gesellen verständigte. Jetzt gerade wieder vollführten sie schnell hintereinander mehrere Gesten: Erst zeigten sie auf Anne und dann auf den am Boden liegenden Rucksack. Die Uhr nickte zustimmend.

„Du hast recht, mein treuer Freund Buh“, sagte sie in übertrieben theatralischem Tonfall. „Wie es aussieht, haben wir Gäste. Welche Ehre, welche Ehre! Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle, junge Frau: Klock ist mein Name, stets zu Diensten. Klock! Freigeist, Träumer und Poet.“

Buh hielt sich die bemoosten Flügelohren diskret vor den Mund und kicherte.

„Wo bin ich hier? Wie komme ich hierher?“ fragte Anne beklommen.

„Nichts leichter zu erklären als das, junge Frau. Doch vielleicht dürfte ich zunächst Ihren Namen erfahren. Noblesse oblige.“

Herr Klock hielt offenbar größten Wert auf feine Manieren, wobei er, weil ihm doch einige Zähne fehlten, schrecklich lispelte. Darum verstand Anne etwas wie „Bleche blies“ und wunderte sich ein wenig, ehe sie antwortete:

„Ich heiße Anne, aber alle nennen mich Feuerlocke.“

„Bezaubernd! Was für ein schöner Name! Hocherfreut, Sie kennenzulernen, liebe Anne, wirklich hocherfreut … Und jetzt zu Ihrer Frage“, beeilte er sich hinzuzufügen, da er Anne ungeduldig von einem Bein auf das andere treten sah. „Wir befinden uns hier im wundervollsten, geheimnisvollsten und … grauenvollsten Zauberwald. Dem Gespensterwald!“

Um die Wirkung des zuletzt Gesagten zu verstärken, klapperte Klock mit den Zähnen und begann wie verrückt sein Pendel zu schwingen, so dass es Anne tatsächlich ein wenig mulmig wurde. Was ihr natürlich gar nicht gefiel – ihre Antwort fiel entsprechend schroff aus.

„He, ich laß mich nicht veralbern! Ich weiß, dass das alles bloß ein Spiel ist. Und ich finde es stinklangweilig, wenn du's genau wissen willst. Hier sieht es aus wie in einem bescheuerten Disneyland, jawohl. Bestell das deinem Chef Nerod Laptsev, wenn du ihn siehst. Und sag ihm, wenn ich hier erst raus bin, kann er was erleben!“

„Tz-tz! Wie abgeschmackt!“ gab Klock seiner Enttäuschung Ausdruck. „Und diese Sprache! Man merkt gleich, dass du schon zur Schule gehst. Was meinst du, Buh, hat es Zweck, dass ich ihr etwas über unseren schönen Wald erzähle?“

Buh zögerte ein wenig, bevor er eines seiner Flügelohren zu einem großen Zeigefinger einrollte und verneinend damit wedelte.

„Gut. Soll sie alleine zurechtkommen“, sagte Klock. „Wir haben ohnehin genug zu tun.“

Er kehrte Anne den Rücken zu und schritt grußlos davon.

Feuerlocke war ordentlich empört. Was für ein grober Kerl!

„He, wartet!“ rief sie den beiden in einem scharfen Befehlston nach. „Hallo, ihr zwei! Mit euch rede ich! Tut nicht so superwichtig! Sagt mir gefälligst, wie man hier herauskommt und wie ich den Weg nach Hause finde!“

„Oho, welche Kühnheit! Welcher Hochmut!“ antwortete Klock, ohne sich umzudrehen. „Na, wir werden sehen, was davon übrigbleibt, wenn erst, ha … wenn die Gespenster kommen!“ Bei den letzten Worten fuhr er herum, das Gesicht zu einer abscheulichen Grimasse verzerrt, und brüllte aus vollem Hals: „Buhu-uah! Uhuhu-aaah!“

Erschrocken prallte Anne zurück, mochte aber dennoch ihren Stolz nicht aufgeben.

„Gespenster, dass ich nicht lache!“ warf sie lässig hin. „Quatsch mit Soße! Es gibt keine Gespenster!“

Vor Ärger sprang Klock ein Stück in die Höhe.

„Hast du das gehört, Buh? Es soll keine Gespenster geben!“ Er trat einen Schritt zurück, bog seine Blechflügel nach oben und hakte sich mit ihnen zu Annes Entsetzen den Kopf aus der Feder. Dann drehte er ihn mit dem Zifferblatt zu sich, streckte die Brust heraus, so weit es ging, und begann zu deklamieren:

„Ach, armer Yorick! … Wo sind nun deine Schwänke? Deine Sprünge? Deine Lieder, deine Blitze von Lustigkeit, wobei die ganze Tafel in Lachen ausbrach? Ist jetzt keiner da, der sich über dein eigenes Grinsen aufhielte? Alles weggeschrumpft? … – Nun ja!“ fügte Klock in sachlichem Ton an, während er seinen Kopf wieder einhängte, „Hamlet, dieser Knabe, wollte auch nicht glauben, dass es Gespenster gibt. Und er hat sich umgeguckt! … Buh, laß uns verschwinden, bevor diese Raubritter wirklich auftauchen“, sprach er zu seinem Freund und machte sich eilig flugfertig. „Das letzte Mal hab ich mir zwei Zähne aus dem Mund geklappert vor Angst!“

Buh, der der ganzen Vorstellung ohnehin schon angstschlotternd beigewohnt hatte, nickte so eifrig, dass ihm ums Haar das Hütchen vom Kopf gerutscht wäre.

Vor lauter Verzweiflung vergaß Anne ihren Stolz.

„Warten Sie! Bitte, bitte warten Sie doch!“ rief sie mit weinerlicher Stimme. „Ich wollte Sie nicht beleidigen, entschuldigen Sie! Hier ist alles so anders, ich weiß schon gar nicht mehr, was ich sage.“

Klock zog eine Kurve durch die Luft und landete wieder.

„Vielleicht sollten wir ihr wirklich ein bißchen helfen … Was meinst du, Buh?.“

Doch sein Zögern währte nicht lange. Just in diesem Moment erscholl über den Wipfeln ein greuliches, markerschütterndes Gebrüll – oder besser gesagt, ein kaum beschreibliches Gemisch aus Knurren, Kreischen und Heulen, das jederman eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Klock und Buh waren so schnell verschwunden, als hätte der Erdboden sie verschluckt. Stocksteif vor Angst, ließ Anne sich zu Boden fallen und krümmte sich zusammen. Das Gebrüll ging über den Wald hinweg wie ein Omen, ein bedrückendes Signal aus einer anderen, von Schmerz und Verzweiflung erfüllten Welt. So schnell, wie es gekommen war, hatte es sich wieder verzogen. Geraume Zeit noch lag Feuerlocke da, Augen zu, Hände an die Ohren gepreßt, und traute sich weder sich zu rühren, noch aufzusehen. Nur hin und wieder flüsterte sie leise und ohne es eigentlich zu wollen:

„Lauft nicht weg! Bitte lauft nicht weg! Ich hab Angst! Ich hab solche Angst!“