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Der GespensterwaldEinführung: Der Fluss in der Schachtel
Irgendwo am Stadtrand, in einem kleinen Haus mit großem Garten, wohnte die rothaarige Anne mit ihrer Mutter. (Der Vater, der weit weg wohnte und den sie gelegentlich besuchen fuhr, war vor langer Zeit ausgezogen – vor so langer Zeit, dass sie sich nicht mehr daran erinnern konnte.) Ihr richtiger Name war Anne Schwarzkopf, aber alle nannten sie bloß Feuerlocke. Das machte ihr nichts aus, der Name bot sich ja von selber an. Anne war neun, für ihr Alter recht groß, mit rundem, sommersprossigen Gesicht, Knollennäschen und wilder Mähne, die ihr ständig in die Augen fiel. Und obwohl sie schon so groß war, spielte sie immer noch sehr gern mit Spielzeug, welches haufenweise im Haus vorhanden war. „Haufenweise“ ist schon deswegen das rechte Wort, weil das meiste davon kreuz und quer, in unsortierten Haufen von Bruchstücken und Einzelteilen umher lag. Leider hatte Anne nämlich einen etwas jähzornigen Charakter. Mit ihr zusammenzuleben war nicht einfach – besonders für das Spielzeug nicht, auch wenn von ihm keine Klagen kamen. Dass sie es nicht liebgehabt oder nicht darauf achtgegeben hätte, ließ sich nicht einmal sagen, im Gegenteil: Eigentlich war Anne ein achtsames Mädchen. Nur manchmal … Manchmal, wenn sie ihre Launen bekam, brachen für ihr Spielzeug trübe Zeiten an. Plötzlich war das liebe, gute Mädchen wie weggezaubert, und an seiner Stelle stand ein anderes, gar nicht liebes, gar nicht gutes, vielmehr ziemlich bösartiges Geschöpf im Raum, das mit einer Stinkwut auf und ab lief, bis es etwas fand, woran es sie auslassen konnte. Und wehe dem Spielzeug, welches dem Mädchen in solchen Momenten in die Finger geriet! Nichts als Trümmer und Fetzen blieben davon übrig. Mama, die sich sehr darüber aufregte, hatte schon des öfteren angedroht, dass es beim nächsten Mal eine saftige Strafe setzen würde. Irgendwie hatte es bislang aber immer so geendet, dass die Strafe entweder nicht sehr saftig ausgefallen oder überhaupt in Vergessenheit geraten war. (Mama war eine sehr – manchmal wirklich furchtbar sehr! – beschäftigte Frau.) Und nach ein paar Tagen war alles wie immer – sehr zum Leidwesen des armen Spielzeugs, wie man sich denken kann. Die Geschichte, die ich euch erzählen will, nahm an einem dieser traurigen Tage ihren Anfang. Dabei war es im Grunde ein schöner Tag – für jederman, nur nicht für Anne. Die Sommerferien hatten gerade begonnen, es war schon so warm, dass man den ganzen Tag im Freien spielen konnte, aber nicht so heiß, dass es einem zur Last fiel. Feuerlocke hatte fast den ganzen Tag im Garten verbracht. Die Indianerhütte, an der sie seit einigen Tagen bastelte, hätte heute fertig werden sollen. Doch aus irgendeinem Grund ging die Arbeit nicht von der Hand. Immer klappte irgend etwas nicht, immer brach etwas zusammen oder sah hinterher so doof aus, dass sie es selbst wieder einriß. Mama hatte natürlich wie immer eine dringende Arbeit zu erledigen und saß darum den ganzen Tag nervös und hektisch vor dem Computer. Zu allem Überfluß waren heute sämtliche Nachbarskinder wie vom Erdboden verschluckt. Keiner da, der ihr half. Nach langen Stunden angestrengter Arbeit fand Anne plötzlich, dass sich die Mühe gar nicht lohnte, und lief ins Haus. So klein dieses Haus war, so hübsch und gemütlich war es darin. Im Erdgeschoß befand sich die Wohnküche, daneben Mamas Schlafzimmer und die „Rumpelkammer“ – ein gar nicht so kleiner Raum, voll mit alten, unnützen Dingen, in dem Anne mitunter ganze Tage zubrachte und sich Geschichten mit allerlei labyrinthischen Verwicklungen ausdachte. Heute aber stand ihr der Sinn absolut nicht danach, weshalb sie sich schnurstracks ins Obergeschoß begab. Dort befanden sich Mamas Arbeitszimmer und Annes eigenes. Sauber und aufgeräumt konnte man Annes Zimmer im Normalzustand eher nicht nennen. Zwar gelang es ihr mit Mamas Hilfe manchmal sogar, einigermaßen Ordnung zu halten. Das galt aber nur für Tage, die besser waren als der heutige. Heute sah das Kinderzimmer, ehrlich gesagt, so aus, als wäre gerade eine Herde fröhlicher kleiner Elefanten durchgekommen. Auf dem Schreibtisch waren Bleistifte, Füllfederhalter und Malfarben wild durcheinandergeworfen, ein paar halbfertige Zeichnungen lagen neben dem umgestürzten Stuhl auf dem Fußboden. Das Bett, das in ein verzaubertes Schloß zu verwandeln sie sich heute morgen viel Mühe gegeben hatte, wies eine verdächtige Ähnlichkeit mit der Indianerhütte im Garten auf. Was auf die Regale und in die Schachteln gehört hätte, bedeckte größtenteils den Fußboden – Anne hatte nach dem nötigen Werkzeug für die Arbeit an der Hütte gesucht. Unglückliches, schwindsüchtiges Spielzeug lag an allen möglichen und unmöglichen Stellen darnieder – zumeist in erbärmlichem Zustand. Anne betrat das Zimmer und warf blutrünstige Blicke in die Runde – sie suchte etwas, woran sie ihr Mütchen kühlen konnte. Aber so weit kam es gar nicht: Ein Blick genügte, um festzustellen, dass jemand hier herumgewühlt haben mußte. Und das tat natürlich keiner ungestraft. „Wer… wer?!“ Vor Wut und Ärger fand sie keine weiteren Worte. „Ma-a-a-ma!“ brüllte sie aus vollem Hals. „Was ist los?“ Mama schien auch nicht gerade in bester Stimmung, der Termin für ihre Übersetzungsarbeit war hoffnungslos überschritten. „Kannst du nicht ein bißchen leiser reden?“ „Hast du in meinem Zimmer rumgeräumt?“ „Rumgeräumt? Ha, ha! Ich hab meine Schere gesucht, das ist alles. Ich suche sie übrigens immer noch.“ „Die ist auf dem Klo“, versetzte Anne trocken. „Auf dem Klo? Wozu das denn?“ „Meine neue Puppe hat Läuse. Da mußte was passieren.“ „Wie bitte??“ Anne sah Mama mit aufgeblasenen Backen zur Toilette stürmen. Im nächsten Augenblick war sie zurück – mit der verunstalteten, kahlköpfigen Puppe in der Hand. „Das … das darf nicht wahr sein!“ Mama war dermaßen erbost, dass Anne ganz kleinlaut wurde. „Erst vorige Woche haben wir die gekauft – und jetzt ist sie vollkommen hin! Nein, das laß ich dir diesmal nicht durchgehen! Damit du es weißt: Bis Weihnachten kaufe ich dir kein neues Spielzeug mehr. Kein Stück! Dieses ewige Kaputtmachen hab ich satt!“ Feuerlocke überlegte gerade, ob es besser war, zurück zu mosern oder klein beizugeben, als es an der Haustür klingelte. Fürs erste kam ihr das gerade recht. Sie fegte die Treppe hinunter, um zu öffnen. Bis sich diese Störung erledigt hatte, war ihr bestimmt etwas besseres eingefallen als eine peinliche Entschuldigung. Vor der Tür aber wartete eine Überraschung, die dafür sorgte, dass Anne die Geschichte mit der Puppe glatt vergaß. Sie wartete in Gestalt eines alten Herrn, der so sonderbar aussah, dass sie im ersten Moment einen kleinen Schreck bekam. Er war sehr groß. Gekleidet war er in einen fast bis zur Erde reichenden Mantel. (Allein der Gedanke, wie heiß es mitten im Sommer unter einem solchen Mantel sein mußte, brachte Anne zum Schwitzen.) Auf seinem Kopf thronte ein hoher, mit blitzenden Goldsternen verschönter Zylinderhut. Das hagere Gesicht mit den vorstehenden Backenknochen, umwuchert von einem üppigen, bis zur Brust hinabreichenden Bart, hätte einen gewiß das Fürchten gelehrt, wären da nicht die Augen gewesen, die froh und munter unter dem schweren Schild der Brauen hervorsahen – den dichtesten, die Anne je zu Gesicht bekommen hatte. „Guten Abend!“ grüßte der Herr. Seine Stimme klang unerwartet jugendlich. „Ich heiße Nerod Laptsev und handle mit Spielzeug. Darf ich einen Moment reinkommen?“ Anne war wie vom Donner gerührt. Bevor sie wußte, wie ihr geschah, stieg sie, dem Gast voraus, die hölzerne Treppe hinauf. Der alte, abgestoßene Koffer auf Rädern, den der Herr hinter sich herzerrte, knarrte ausgiebig bei jeder Stufe. „Mama, Mama! Hier ist der Herr… äh…“ Hilfesuchend wandte sie sich nach dem alten Mann um. „Laptsev. Nerod Laptsev“, sprang er ihr bei. „Der Herr Laptsev. Der handelt mit Spielzeug. Ein Riesenkoffer voll mit Spielzeug!“ Anne hatte die Puppe schon vollkommen vergessen und war bereits dabei, sich die phantastischen Schätze auszumalen, die in dem alten Koffer verborgen sein mochten. „Vielleicht sollte ich es besser selbst erklären“, ließ Herr Laptsev sich vernehmen. „Das Wort Händler ist, fürchte ich, ein wenig irreführend. Im Grunde vertrete ich ein sehr altes Gewerbe, das bedauerlicherweise im Untergang begriffen ist. Wir nennen uns Spielzeugbewahrer. Da dieser Begriff jedoch den meisten Leuten nichts sagt, stellen wir uns zu Anfang erst einmal als Händler vor. Nun ja… Ich hoffe, Sie sehen mir diese kleine List nach.“ Mama, die die ganze Zeit aufmerksam zugehört hatte, beäugte den Herrn mit langen, mißtrauischen Blicken. Was diesen anscheinend überhaupt nicht in Verlegenheit brachte – lässig stand er, auf seinen Riesenkoffer gestützt, in der Mitte des Flurs. „Würden Sie die Güte haben, mir etwas genauer zu erklären, worin Ihre Arbeit besteht?“ fragte Mama. „Eine Art Restauratorentätigkeit, nehme ich an?“ „O nein, Verehrteste. Meine hauptsächliche Tätigkeit besteht darin, bestimmtes Spielzeug aufzuspüren und zu retten, das einer vom Aussterben bedrohten Art angehört.“ „Vom Aussterben bedrohtes Spielzeug?“ Annes Mutter brach in ein herzliches Lachen aus. „Ich glaube, davon haben wir hier genug, ha-ha-ha!… Herr Laptsev, Sie sind im Begriff, das Geschäft Ihres Lebens zu machen!“ „Fürwahr, meine Dame!“ sagte der alte Herr und deutete eine Verbeugung an. Nun schien Mama erst richtig irritiert zu sein – auch wenn sie bemüht war, sich das nicht anmerken zu lassen. „Mal im Ernst, mein Herr“, sagte sie, und es hörte sich deutlich kühler an. „Was wollen Sie uns verkaufen?“ „Ich möchte durchaus nicht unhöflich klingen, Verehrteste, doch diese Frage pflege ich klipp und klar zu beantworten: NICHTS.“ „Dann weiß ich immer noch nicht, worum es geht. Verkaufen Sie Spielzeug oder kaufen Sie welches?“ „Sagen wir mal, ich tausche es, Verehrteste. Natürlich vorausgesetzt, ich finde etwas von dem, was mich interessiert.“ Mamas Gesicht entspannte sich merklich. „Ach so! Jetzt fange ich an zu begreifen. Sie sind also ein Sammler. Da sind Sie bei uns vermutlich an der falschen Adresse. Hier werden Sie nichts finden, was älter als ein paar Monate ist. Länger bleibt das schöne Zeug leider nicht heil.“ „Das macht nichts“, entgegnete Herr Laptsev. „Darf ich es mir trotzdem etwas näher anschauen?“ „Sie sind ein alter Mann und haben den Krieg mitgemacht, dann werden Sie den Anblick wohl ertragen“, seufzte Mama. „Bitte schön.“ Die folgende Viertelstunde war für Anne eine einzige Qual. So erpicht war sie darauf zu sehen, was der große Koffer enthielt, dass sie gewaltig an sich halten mußte, um Herrn Laptsev nicht zur Eile zu mahnen. Der wiederum erweckte den Anschein, sich extra viel Zeit zu lassen, war so in sein Tun vertieft, dass er alles um sich her vergessen zu haben schien. Gründlich und bedächtig nahm er jedes Spielzeug, das sich im Zimmer anfand, in Augenschein, wobei er des öfteren eine kleine Lupe benutzte, die er aus der Manteltasche gezogen hatte. Von Zeit zu Zeit hörte man ihn etwas in seinen Bart murmeln, ein oder zwei Mal schrieb er sich gar etwas in ein kleines Notizbuch. Mama hatte inzwischen wieder vor ihrem Computer Platz genommen und klapperte mit den Tasten; die Anwesenheit des Mannes schien sie nicht im geringsten zu stören. Für Anne hingegen zog sich die Zeit furchtbar in die Länge; zäh wie Sirup flossen die Minuten dahin. Ein paar Mal versuchte sie, ihre Ungeduld zu zeigen und hüstelte ziemlich laut. Einmal war sie wirklich kurz davor, den Gast aufzufordern, zum Ende zu kommen, doch zu ihrer eigenen Überraschung traute sie sich nicht. Etwas an seinem Benehmen flößte ihr Respekt ein. Und der größte Teil ihrer Spielsachen war ja auch wirklich so traurig anzuschauen, dass sie sich ein wenig schämte. Was, wenn er nun nichts Interessantes fand? Dann ging er doch hoffentlich nicht wieder, ohne seinen Koffer geöffnet zu haben? Für einen Moment empfand Feuerlocke etwas wie Bedauern: Ach, wenn es doch wenigstens ein einziges heiles Spielzeug im Hause gäbe! Da sie jedoch ein praktisch veranlagtes Mädchen war und ihre Zeit höchst selten an überflüssige Gedanken verschwendete, beruhigte sie sich auch diesmal schnell wieder: Wenn ihm etwas zusagte, würde es sie freuen – wenn nicht, auch gut. Dann sollte er sich zum Teufel scheren. „Hm-hm. Nun ja“, gab Herr Laptsev endlich kund. „Die Sache ist klar. Sie hatten vollkommen recht, Verehrteste“, sagte er, an Mama gewandt, die sogleich wieder in der Tür stand, „hier finde ich wirklich nichts … von Belang. Aber damit nicht der Eindruck entsteht, ich hätte Ihnen ganz umsonst die Zeit gestohlen, will ich Ihnen immerhin eine kleine Freude bereiten. Sonst wäre ich ja umsonst gekommen, nicht wahr?“ Er beugte sich über seinen Koffer, öffnete ihn und entnahm ihm vorsichtig eine große, flache Schachtel. Es war merkwürdig: Anne hätte schwören können, dass die Schachtel größer als der Koffer war, auch wenn Herr Laptsev sie vor ihren Augen aus ihm hervorzog. Für derlei Betrachtungen blieb indes keine Zeit, denn nun klappte der alte Mann die Schachtel behutsam auf und stellte sie auf dem Boden ab … Zuallererst glaubte Anne eine Art Fernseher vor sich zu haben – irgendwer hatte ihr erzählt, dass es in Japan Fernseher gab, in die man von allen Seiten gucken konnte. Doch schnell war ihr klar, dass es sich um etwas sehr viel Ungewöhnlicheres handelte. Mama, die auch keine hundert Jahre brauchte, um einzuschätzen, was ihre Augen sahen, kauerte schon vor der offenen Schachtel und schaute mit ehrfürchtigem Staunen hinein. In der Schachtel war ein Fluß. Genaugenommen war der Fluß nur ein Teil des Spiels – und dass es sich um ein Spiel handelte, bezweifelte Anne keinen Moment lang, obwohl ihr nie im Leben etwas Vergleichbares unter die Augen gekommen war. Links auf dem Grund der Schachtel – genau unter dem Ellbogen von Herrn Laptsev, der auf dem hochgeklappten Deckel lehnte – befand sich ein Gebirgszug: so hoch und steil, dass Anne sich einfach nicht erklären konnte, wie er in einer flachen Schachtel Platz gefunden hatte. Der Fluß schnitt das Gebirge mittendurch, wälzte sich zwischen den beiden Hälften durch eine enge Schlucht, sprudelte und schäumte, bis er schließlich weiter hinten zur Ruhe kam und breit zwischen den Hügeln dahinfloß, die den übrigen Teil des Spiels ausfüllten. Sie waren größerenteils von dichtem Wald bedeckt, doch hie und da konnte man Wiesen sehen, auf denen, klein wie Käfer, die Waldbewohner einhergingen. An einigen Stellen gab es klitzekleine Gebäude zu entdecken: eine Mühle, eine Anlegestelle für Fischerboote und eine Hütte, die in die Äste eines dicken Baumes hineingebaut war und zu der ein ausgeklügeltes System von winzigen Treppchen hinaufführte. Selbst die Wolken, die knapp unter dem Deckel hingen, wirkten vollkommen echt; gemächlich zogen sie dahin, hüllten die Gipfel des Gebirges ein … All dies war ein so unglaublicher Anblick, dass Anne kein Wort hervorbrachte, nur dastand und mit großen Augen in die Schachtel starrte. Der alte Mann, sichtlich zufrieden mit der erzielten Wirkung, lächelte sanft. „Phantastisch! Unglaublch!“ ließ Mama nach langem Schweigen hören. „Man möchte seinen Augen nicht trauen. Wie weit die Technik heutzutage fortgeschritten ist!“ „Hm-hm. Wenn ich mir die Anmerkung erlauben darf, Verehrteste, so handelt es sich eher um eine uralte und, will sagen: in Vergessenheit geratene Technik. Dieses Spiel ist sehr viel älter, als wir uns vorzustellen in der Lage sind.“ Anne war vor Aufregung ganz schwindelig im Kopf. So viele Fragen auf einmal bestürmten sie, dass sie nicht wußte, mit welcher sie beginnen sollte. Was war das für ein Spiel? Wo hatte der Mann es her? Und wieso älter – man sah doch, dass alles daran funkelnagelneu war? Und außerdem … Doch für Fragen war gar keine Zeit mehr. Ehe sie sich recht besann, hatte sie schon: „Ich will es haben!“ gesagt – und danach waren alle übrigen Gedanken wie weggefegt. Klar war nur, dass sie lieber tot umgefallen wäre, als sich von diesem Zauberwerk zu trennen. Mama, die ihre Augen selber nicht von der Schachtel losreißen konnte, stand unlustig auf und faßte Anne bei der Schulter. „Weißt du, meine Liebe, so ein Luxusding können wir uns leider nicht leisten. Das Spiel kostet ganz sicher ein Vermögen. Nicht wahr, Herr Laptsev?“ Sie blickte den alten Mann an, und ihre Augen flehten um Beistand. „Offen gestanden ist der Wert dieses Spiels mit Geld schwerlich zu bemessen.“ „Ich will es haben!“ sagte Anne und biß sich auf die Lippen, um nicht loszuheulen. „Aber Anne …“ machte Mama noch einen halbherzigen Versuch; sie ahnte bereits, worauf die Sache hinauslief. „Ich will es haben!“ beharrte Feuerlocke und ballte die schmalen Fäuste. Kein anderer Gedanke wollte in ihren Kopf hinein, so sehr sie sich auch anstrengte – was sie nur noch mehr in Rage brachte. „Verstehe“, sagte Herr Laptsev. „Für derartige Fälle sieht unsere Praxis eine spezielle Regel vor, die besagt …“ „Ich will es haben!“ „… die besagt, dass das Spiel in Ausnahmefällen auch für einige Tage verliehen werden kann. Von dieser Regel mache ich mit Vergnügen Gebrauch.“ „Anne, hörst du nicht, der Herr will uns das Spiel ausleihen!“ Mama klammerte sich an die neue Idee wie der sprichwörtliche Ertrinkende an einen Strohhalm. „Nur für einige Tage?“ fragte Anne enttäuscht zurück, um gleich drauf hastig anzufügen: „Nein, naja, doch, doch, das wäre schon ganz schön.“ Sie hatte sich vor das Spiel gehockt und versuchte nach einem kleinen Tier zu greifen, das ihren Fingern jedoch mit einem blitzartigen Sprung entwischte. „Anne!“ mahnte Mama genervt. „Was? Ach so, ja … Danke! Vielen Dank.“ „Keine Ursache!“ erwiderte Herr Laptsev und lächelte. „Das gehört zu meinem Geschäft.“ „Und wir haben gar nichts, was wir Ihnen zum Tausch anbieten könnten“, sagte Mama etwas verlegen. „Tja … Die Lage ist bei Ihnen in der Tat nicht allzu rosig. Aber seien wir optimistisch und hoffen, dass nur das Spielzeug betroffen ist. Und davon werden wir uns ja in Kürze ganz praktisch überzeugen können …“ Der alte Mann wühlte in seiner Manteltasche, zog eine große Uhr hervor und hatte es nach einem Blick darauf plötzlich sehr eilig. „Oh, die Zeit drängt! Meine Dame, es war mir ein Vergnügen … Bis nächste Woche also!“ „Aber Sie haben mir noch gar nicht Ihre Telefonnummer gegeben!“ Mama machte auf einmal einen furchtbar verlegenen, fast beschämten Eindruck. Herr Laptsev, der schon in der Tür war, drehte sich um und sah sie verwundert an. „Was denn für eine Nummer?“ Er schien kurz etwas irritiert zu sein; gleich darauf schlug er sich an die Stirn und sagte: „Ach ja, natürlich … Was bin ich zerstreut … Aber nein, es ist gar nicht nötig, ich finde Sie ja auch so. Auf Wiedersehen, Verehrteste. Auf Wiedersehen, Anne. Ich wünsche Dir …“ Er zögerte kurz und war schon im Gehen, als er seinen Satz beendete: „…viel Kraft.“ Mama stand da, verwirrt und besorgt in einem, blickte ihm hinterher und trommelte nachdenklich mit den Fingern gegen den Türrahmen. * * * Anne schäumte vor Wut. Schon den zweiten Tag hintereinander funktionierte das Spiel nicht mehr. Dabei hatte alles so wunderbar angefangen und die ersten Tage waren wie im Flug vergangen. Anne war hin und weg. Wäre Mama nicht gewesen, sie hätte zu essen vergessen und wäre abends erst in ihr Bett gewankt, wenn kein Quentchen Kraft mehr übrig war. Immer neue Überraschungen hielt das magische Spiel bereit. Anfangs hatte Anne noch ein paarmal versucht, eines der kleinen Wesen, die sich dort tummelten, zu ergreifen, doch nachdem sie sich daran blutig gestochen hatte (oder doch eher gebissen worden war?), ließ sie es schnell sein. Lieber ging sie daran, die Landschaft zu erkunden. Durch die dichtstehenden Bäumchen hindurch ließ sich zwar nicht allzu viel erkennen, doch fiel ihr immerhin auf, dass Tiere nur auf der näher zu ihr liegenden Flußseite zu finden waren. Überhaupt machten die zwei Spielhälften diesseits und jenseits des Flusses einen sehr verschiedenen Eindruck. Während der Wald hüben die eine oder andere Lichtung aufwies, war er drüben schier undurchdringlich. Auch farbliche Unterschiede gab es: Hier war alles voll bunter Flecken, roten, gelben und braunen, drüben herrschte ein einheitliches Blaugrün vor, nur hie und da von grauen Löchern unterbrochen, es sah aus, als wäre der Wald dort von einer Krankheit befallen. Selbst von den Vögeln, die munter umherflatterten, wurde die andere Seite gemieden. Den Grund hierfür konnte Anne nicht erkennen, und sie mochte sich, ehrlich gesagt, nicht sonderlich den Kopf darüber zerbrechen; sie begnügte sich damit, die nahegelegene Flußseite zu erforschen. Hier gab es genug Abwechslung, ein Fleckchen war interessanter als das andere. Lustig klappernd drehte sich das Rad der kleinen Mühle, die Baumhütte schwankte sanft im Takt der Windstöße und in der Schlucht zwischen den beiden Gebirgshälften entdeckte Anne gar einen Wasserfall: komisch grollend in seiner Winzigkeit, aber unendlich hübsch und interessant. Überhaupt machte das Spielzeug ihr riesigen Spaß – bis es urplötzlich stehenblieb. Das war gestern gewesen. Zuerst wollte Anne nicht glauben, dass der Zauber zu Ende sein sollte. Lange war sie nur böse auf Mama, weil die sie zu besänftigen suchte, untersuchte dann die Schachtel von allen Seiten, um womöglich irgendeinen Defekt zu finden, doch am Ende mußte sie sich damit abfinden. Und das ärgerte sie dermaßen, dass sie am liebsten aus der Haut gefahren wäre. „Bewegst du dich jetzt endlich oder willst du, dass ich dir eine reinhaue?“ rief sie. „Anne, hör endlich auf damit!“ meldete Mama sich aus dem Nachbarzimmer. „Ich hab es dir schon hundert Mal gesagt: Wahrscheinlich sind die Batterien aufgebraucht.“ „Aufgebraucht, von wegen! Der Alte hat uns irgendeinen Schund angedreht. Aber das werden wir gleich haben!“ Sie versuchte, den Fluß anzuschieben, der sich anfühlte wie hartgewordenes Gelee. „Ich muß bloß noch rauskriegen, wie es aufgeht.“ „Ich kann es nicht mit anhören, wenn du in diesem Ton redest! Laß das Spiel sein und such dir eine andere Beschäftigung! Den ganzen Tag gehst du mir schon auf die Nerven!“ „Gleich, gleich.“ Wäre Mama nicht so müde gewesen, hätte sie bemerken müssen, dass in Annes Stimme jetzt dieser gefährliche Unterton schwang, der für gewöhnlich verriet, dass sie etwas im Schilde führte. Doch entweder war Mama wirklich viel zu müde, oder sie hatte die Nase gestrichen voll – jedenfalls zog sie es vor, das Gespräch zu beenden, und um zu zeigen, dass sie nicht mehr gestört zu werden wünschte, schloß sie die Tür zu ihrem Zimmer. Darauf hatte Anne nur gewartet. Unverzüglich ging sie daran, ihre Regale und Schubfächer zu durchforsten, bis sie den großen Hammer fand. Dann trat sie mit verkniffenem Mund und gefurchter Stirn vor die Schachtel. Langsam hob sie den Hammer, wartete einige Augenblicke – vielleicht kam das Spiel im letzten Moment ja noch zur Besinnung? – und zischte durch die zusammengepreßten Zähne: „Wer nicht hören will, muß fühlen!“ Bum! Genau in der Mitte des Spiels, irgendwo zwischen der Mühle und dem Bootssteg, ging der schwere Hammer nieder. Zu Annes größter Verwunderung passierte jedoch gar nichts -der Hammer prallte ab als wäre er aus Gummi. Einige Sekunden stand sie verdutzt da und wollte ihren Augen nicht trauen. Dann aber spürte sie irgendwie, dass doch etwas passiert sein mußte. Sie beugte sich neugierig nach vorn, um die Sache näher zu betrachten. Als erstes fiel ihr auf, dass das Spiel wie von einem schwachen graublauen Schimmer überzogen war – so als hätte sich ein hauchzarter Schleier darübergelegt. Dann erschien ungefähr in der Spielmitte ein kleines Rauchwölkchen und wurde zusehends größer. Anne bekam es ein wenig mit der Angst und wollte zu Mama hinüberlaufen, mußte jedoch mit Grausen feststellen, dass sie sich nicht von der Stelle zu rühren vermochte. Davon bekam sie nun wirklich einen Heidenschreck. Sie wollte um Hilfe rufen, aber auch das gelang ihr nicht – der Mund weigerte sich einfach aufzugehen. Entsetzt suchte sie all ihre Kräfte zusammen zu nehmen, um sich den Klauen der unsichtbaren Macht, die sie festhielt, zu entreißen, doch es war aussichtslos. Etwas wie ein zäher Morast umschloß sie von allen Seiten, nicht einmal die Augenlider konnte sie rühren, geschweige denn aufstehen oder sprechen. Unterdessen war das Rauchwölkchen weiter gewachsen und hatte sich in eine Art hohen Trichter verwandelt, dessen Tülle nach unten gekehrt war. Er drehte sich wie wild um seine eigene Achse, gleichzeitig rückte er allmählich auf Anne zu. Erst vor wenigen Tagen hatte sie im Fernsehen eine Sendung über tropische Wirbelstürme gesehen und erkannte nun mit Schrecken, dass dies keine Rauchwolke, sondern eine kleine Windhose war. Schon hob sich ihr einer Arm ganz von alleine und bewegte sich auf die Öffnung des Trichters zu. „Nein, nicht!“ versuchte sie zu rufen, doch statt dessen mußte sie machtlos zusehen, wie der Arm von dem Trichter verschluckt wurde. Ihr Körper begann sich in die Länge zu ziehen und zu biegen wie bei einer Zeichentrickfigur. Von unsichtbarer Hand wurde sie in die Höhe gehoben, auf den Kopf gestellt und in die Öffnung der Windhose gestoßen. Wie eine Kugel Eis in die Waffeltüte! mußte Anne denken, dann verlor sie die Orientierung und wurde ins Dunkle hinuntergeschleudert. Copyright © Enev Design & Consulting |
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