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Ein autobiografischer Versuch

Zlatko Enev wurde Anfang der 60er Jahre – oder, um genau zu sein, am 22. Februar 1961, im bulgarischen Preslav geboren. Die Kleinstadt in ihrem seligen Provinzschlummer war genauso langweilig wie jede andere Kleinstadt auf dieser Welt, doch zu jener Zeit gab es wenigstens noch lebende Frösche im Fluss und Schmetterlinge auf den Wiesen...

Die Kindheit des kleinen Zlatko verlief ziemlich ruhig, er wuchs wie die meisten als Mitglied einer Straßenbande auf und wäre sicher vollkommen glücklich gewesen, wenn es da nicht eine Sache gegeben hätte, die ihm das Leben vergällte. Er las nämlich leidenschaftlich gern Abenteuerbücher, und von den meisten interessanten Schriftsteller, die er kannte, wurden zu seinem Leidwesen im damaligen Bulgarien keine Bücher herausgegeben. Die einzige Möglichkeit, an Bücher von Karl May oder Emilio Salgari heranzukommen, war damals, Dachböden und alte Truhen zu durchwühlen – zum Glück hatte es vor dem Krieg in Bulgarien weniger Vorurteile in Bezug auf solche Literatur gegeben –,  und der Junge machte aus dieser Beschäftigung eine Leidenschaft, die ihn bis zum Beginn der Pubertät nicht mehr losließ. Nach und nach wurden Old Shatterhand und Sandokan durch andere, wirklichkeitsnähere Gestalten abgelöst, die Leidenschaft aber blieb, und mit ihr das eindeutige Gefühl, dass es nichts Bedrückenderes auf der Welt gibt, als sich nach Dingen zu sehnen, die man nicht erreichen kann.

In der Zwischenzeit wuchs er heran, unterwiesen von Eltern und Lehrern, die alles taten, um die Kinder auf den rechten Weg zu bringen. Die ersten zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte er damit, eifrig die Ratschläge zu befolgen – er war aktives Mitglied in allen Kinder- und Jugendorganisationen, ein fleißiger Schüler und ein mehr oder weniger gehorsamer Sohn... Kurz gesagt, der Junge hielt sich streng an Regeln, deren Inhalt – so sagten jedenfalls alle – selbstverständlich war.

Die Dinge änderten sich jedoch, als er in die Hauptstadt fuhr, um Philosophie zu studieren. Der junge Mann fing an, Bücher zu lesen, die von Menschen mit schwer zu schreibenden Namen verfasst worden waren, und die noch schwerer zu verstehende Gedanken enthielten. Zweifel überkamen ihn, aus denen bald Zorn und Erbitterung wurden. Allmählich spürte er, dass etwas in dem Leben, das ihn umgab, verlogen und geheuchelt war. Die Freiheit, die er stets als Geschenk aufgefasst hatte, das von kahlköpfigen Männern erkämpft worden war, deren Porträts überall hingen, war wohl doch nicht so garantiert, wie er geglaubt hatte...

An einem ganz normalen Tag fiel ihm ein Büchlein in die Hände, das den seltsamen Titel „Der Steppenwolf“ trug. Zlatko verschlang es in einer einzigen Nacht und war bis in die Tiefe seiner Seele erschüttert. Es enthielt nichts Belehrendes, keinerlei Antworten, nur Fragen – und dennoch hatte er zum ersten Mal im Leben das Gefühl, eine Lösung gefunden zu haben. In jener Nacht bekam die Freiheit einen neuen, einen eigenen Namen – dieser Name war Einsamkeit.

Die darauffolgenden Jahre verbrachte er damit, strikt die neuen, von ihm selbst aufgestellten Regeln zu befolgen. Wenn mir eine Metapher erlaubt ist, die leicht nach Klischee riecht: Der junge Mann arbeitete hartnäckig an seiner eigenen Version der Mauer – einer Mauer, die nicht aus Beton bestand, sondern aus dicken, schweren Büchern. Natürlich lebte er die ganze Zeit über in der Überzeugung, dass er mit einer Mission auf die Welt gekommen war, dass der Weg, den er ging, ganz klar sei, beinahe vorbestimmt... Nun ja, viel hatte er noch nicht getan, um diese Überzeugung zu untermauern, aber schließlich stand er doch noch ganz am Anfang... Die Zeit verging. Zlatko las Bücher und versuchte, die Dinge um sich her in eine begreifbare Ordnung zu bringen. Zweifel quälten ihn, aber er hatte einen sturen Kopf, und wie! Der Weg ist dazu da, dass man ihn geht. Wenn jemand aufgibt – umso schlimmer für ihn, so schien es ihm zu sein in jener Zeit...  Eine blinde Zeit... eine Zeit der Seligkeit.

Irgendwann damals unternahm er auch seine ersten Schreibversuche. Ich glaube, Nietzsche hat einmal gesagt, dass jeder angehende Schriftsteller mindestens zehn Jahre seines Lebens in die Lehre gehen muss, wenn er sein Handwerk wirklich verstehen will. Aus Zlatkos acht Jahren ist nichts herausgekommen, was auch nur irgend jemand auf der Welt lesen wird, denn die Tausenden Tagebuchseiten und den verkümmerten „Philosophischen Roman“ gibt es schon lange nicht mehr, dennoch ist er geneigt zu glauben, dass diese Jahre keinesfalls umsonst waren. Stete Mühe überwindet alles, sagt das Sprichwort.

Die Welt um ihn herum ging in der Zwischenzeit ihren eigenen Weg, und ein Mann namens Gorbatschow hatte begonnen, kräftig an den Grundpfeilern von allem zu rütteln, was bis dahin wie ein Fels in der Brandung zu stehen schien. Zlatko streckte vorsichtig den Kopf aus seinem Bücherversteck und blinzelte ungläubig... Meinen sie das ernst? ... He, Leute, lasst diese Scherze, das ist mein Leben, mit dem ihr spielt! ... Das kann doch nicht sein! ... Wartet, ich komme! Ich will auch!

Er stürzte sich in die neue Leidenschaft, die jetzt Aktivität hieß, mit der gesamten Energie, die er jahrelang unterdrückt und verborgen hatte. Das ging so ein Jahr oder anderthalb, bis er eines Tages ein graues Formular im Briefkasten fand, auf dem in großen Buchstaben „VORLADUNG“ stand.

Am nächsten Tag erklärte ihm ein junger Mann in Zivil ohne großes Federlesen, dass er, wenn er so weiter mache, die Universität, die Dissertation und alles andere bald vergessen könne. Nicht dass Zlatko so großen Wert auf die Dissertation gelegt hätte – im Laufe der Zeit war sie ein ziemlich schwerer Klotz geworden, den er missmutig hinter sich herschleifte –, aber der Gedanke, alles, wofür er sich in den letzten Jahren gemüht hatte, kurzerhand über Bord zu werfen, erschien ihm entsetzlich. Schweigend stimmte er den Anweisungen des jungen Offiziers zu, ging nach Hause, dachte nach und sagte sich: „Das war’s! Ich will nichts mehr mit dir zu schaffen haben! Lebe wohl, Bulgarien!“

Die folgenden Jahre vergingen in fieberhaften Fluchtversuchen. Amerika! Amerika! Das Zauberwort war wie Rauschgift für ihn. Glücklicher- oder unglücklicherweise gehört er offenbar nicht zu jenen Leuten, die damals versuchten, über die Grenze zu kommen, seine Versuche waren allesamt vollkommen legal, und – vielleicht gerade deshalb – absolut erfolglos. Allmählich packte ihn die Verzweiflung, von dem Gefühl, eine Mission zu haben, war nichts mehr geblieben. Wo bist du, Amerika?! Wie lange, Teufel noch mal, soll ich noch warten?

Das ostdeutsche Mädchen lernte er ganz nebenbei kennen, im Schatten des allmächtigen American Dream. Zunächst schien ihm Doreen Westphal ein wenig komisch, irgendwie hilflos mit ihrer großen Plastbrille, der weiten Leinenhose und der festen Überzeugung, dass der real existierende Sozialismus eine Zukunft hat. Damals wusste er noch nicht, wie dickköpfig dieses Mädchen sein kann, und er versuchte sie mit aller Kraft zu überzeugen, zu bekehren, zu bezwingen... Vergebliche Liebesmüh’! Heute, nach fünfzehn Jahren, lachen sie oft, wenn sie sich daran erinnern. Welche blauäugige Zeit!

Weitere zwei Jahre vergingen. Seine Bemühungen führten zu nichts, die Verzweiflung begann ihn zu ersticken. In einem leichtsinnigen Moment tat er etwas sehr Schändliches, er ließ einen Freund im Stich – und wurde gehörig dafür bestraft. Er wurde depressiv, so sehr, dass er sicher großen Schaden genommen hätte, wenn nicht ein paar gute Menschen in seiner Nähe gewesen wären. Die guten Menschen waren Gott sei dank zur Stelle...

Eines schönen Tages – er war im späten Frühling, einem wunderbaren bulgarischen Frühling mit viel Licht und Duft – packte er einen dicken Stoß Hefte unter den Arm, steckte sich eine Schachtel Streichhölzer in die Tasche und machte sich auf zur Wiese hinter dem Haus. Die Sache dauerte nur wenige Minuten und tat ihm zu seiner größten Verwunderung nicht einmal weh. Er hatte einen inneren Schrei erwartet, ein Autodafé, eine Kastration – doch es war nur ein Häufchen Asche von allem geblieben und eine große Erleichterung. Dies und dazu die Probleme mit den Nachbarn, die Angst vor einem Brand hatten.

Ohne die Hilfe von Doreen hätte er es aber wohl trotzdem nicht so leicht überstanden. Letzten Endes, irgendwie sogar gegen seinen Willen – Amerika, Amerika! – gelangte er nach Berlin.  Das Durcheinander unmittelbar nach der deutschen Wiedervereinigung war ihm sehr willkommen, seine chaotische Balkannatur passte anscheinend ideal in diese für Deutschland so untypische Zeit. Rasch fand er eine gute und interessante Arbeit, die er nach einigen Jahren aufgab, um sich selbständig zu machen. Mittlerweile wurde ein Kind geboren, dann das zweite... Alles sah wunderbar aus, und Zlatko begann seine Jugendträume zu vergessen...

Bis ihn unmerklich das Gefühl der Eintönigkeit einholte. Er ging nunmehr auf die 40 zu, die Haare nahmen ab, der Bauch zu, in seinem Kopf tauchten bis dahin unbekannte Gedanken auf – Gedanken an das Älterwerden, an Müdigkeit, Langeweile... Zum Teufel! Wo waren die bunten Träume und großen Pläne geblieben? Und wo war ich geblieben, verflucht noch mal?!

Doch das Glück war ihm auch hier hold... eines Tages erschien ein kleines freches Mädchen vor ihm, die rothaarige Anne, streckte ihm die Zunge heraus und forderte ein Eigenleben. Zunächst nahm er die Dinge noch nicht ernst und versuchte, ein Spiel daraus zu machen – für sich und die Kinder. Doch daraus wurde nichts. Zlatko war zwar ziemlich wütend – die ganze Sache hatte viel Mühe und – oh  ja – viel Geld gekostet, aber er hatte sich damit abgefunden, dass es vorbei war. Da stellt sich jedoch auf einmal heraus, dass das kleine Mädchen nicht weggehen wollte. Sie streckte nach wie vor ihre Zunge heraus und alle Anstrengungen, sie wegzuschicken, brachten nichts.

Und hier erschrak Zlatko: „He, Mädchen, ich habe dich doch schon vor zehn Jahren verbrannt, wo kommst du denn plötzlich wieder her? Verschwinde, diese Tür ist für immer verschlossen! Nein, nein, nein, keine Spielchen mehr, ich bin ein solider Mann, habe Frau und Kinder, eine gesellschaftliche Stellung! Führe mich nicht in Versuchung, du kleine Göre, weißt du nicht, wie gefährlich das ist?“

Aber es half nichts. Anne blieb stehen, ein kleiner Trotzkopf, der sich nicht wegschicken ließ. Da wollte Zlatko sie überlisten. „Na gut, dann machen wir statt eines Spiel eben Comics. Das sieht wenigstens eher nach einem Buch aus. Und danach lässt du mich in Ruhe, in Ordnung?“

Es kam wieder nichts dabei heraus. Anne ging nicht weg und durchbohrte ihn mit Blicken. Schließlich ergab sich Zlatko unter Zittern und fing an zu schreiben. Natürlich lief es anfangs überhaupt nicht. „Ich habe dir ja gesagt, dass es nichts wird, warum hast du nicht auf mich gehört?“ schrie er das kleine Mädchen an, doch sie sah ihn nur aus ihren Haselnussaugen an und stampfte mit dem Fuß auf.

Ach, soll doch werden was will! Zlatko ließ alle Gedanken an große Literatur, Erziehungsprinzipien und ähnliche ernsthafte Dinge beiseite. Wenn die Kleine so sehr darauf beharrt, warum eigentlich nicht? Die beiden fingen einfach an miteinander zu spielen – zwei Kinder unterschiedlichen Alters – und siehe da, plötzlich begann das Spiel Spaß zu machen.  Abenteuer reihte sich an Abenteuer, eines bunter und spannender als das andere, die beiden streiften kreuz und quer durch den gruseligen Wald, überwanden Dutzende Hindernisse und Schwierigkeiten, wuchsen zusammen, bis sie sich schließlich ausgetobt hatten. Und das Ergebnis von all dem war „Der Gespensterwald“.

Was dabei herauskommt, wissen weder er noch Anne. Jedenfalls erleben die beiden wunderbare Augenblicke miteinander, und mit etwas Glück geht ein Teil des Zaubers dieser Freundschaft auch auf andere Menschen über – auf die Leser des Büchleins zum Beispiel...

Hoffen wir, dass es sich um eine wahre Freundschaft handelt...

„Von der allerwahrsten Sorte“, wie Anne sagt.

In dem Falle wäre alles in Ordnung und die Geschichte wird euch sicher gefallen.

Hoffentlich.

Jedenfalls hoffen es Anne und Zlatko von ganzem Herzen...